Reportage
New York - Marathon 2005:
Aus einem Traum wird
Wirklichkeit
oder: Wie aus einem Fußballer
ein Marathonläufer wurde
Nachdem Toni in 2004 den Heidelberg
Halbmarathon hinter sich gebracht hatte, saßen wir abends bei Bier und Würstchen
auf Hesses Terrasse und bewunderten seine Leistung. Ich sagte zu Toni: "Weißt
du was ich mir einmal wünschen würde? Den New York Marathon zu laufen".
Alle lachten ungläubig und das Thema war vom Tisch. Der Gedanke ging mir
jedoch nicht aus dem Kopf.
An Weihnachten 2004 waren Hesses bei uns zum Essen
und wir griffen das Thema "New York Marathon" wieder auf. Wir entschieden
nach kurzer Diskussion, am 06.11.2005 in New York starten zu wollen. Unsere Organisationskünstlerin
Ulrike übernahm die Suche nach einem Veranstalter sowie die Anmeldung. Über
"inter Air" konnte sie noch Plätze ergattern und buchte für
uns und unsere Familien den Aufenthalt in New York.
Nachdem es amtlich war,
begann ab Februar das Training für mich - Toni war schon mona-telang im Training
- es galt einiges aufzuholen. Um uns besser beim Training gegenseitig zu motivieren,
meldete ich mich in einem Heidelberger Sport-Studio an.
Ein langes und sehr
intensives Training auf dem Laufband und/oder mit Toni outdoor stand bevor. Minimum
5 Mal die Woche war Pflicht. Mit Toni bin ich auch das erste Mal über 20
Km gelaufen als er mich bis zur Ladenburger Eisenbahnbrücke und zurück
schleppte. Mit einer Zeit von ca. 2 h 25 min für die ca. 22 km waren wir
ganz gut im Rennen.
Der erste Höhepunkt in 2005 war mit dem Heidelberger
Halbmarathon am 24.04.2005 ge-kommen. Da Heidi, die ich kurz vorher beim Laufen
mit Gabi und Toni kennen gelernt hatte, nicht teilnehmen konnte, hatte ich ihre
Startberechtigung übernommen. Am Tag vorher konnte ich die Startnummer "1789"
abholen. Anschließend gingen wir noch zur Pasta Party, um uns etwas für
den Wettkampf zu stärken.
Der Heidelberger Halbmarathon 2005
Der
24.04.2005 begann für mich mit Aufstehen um 6 Uhr. denn als Morgenmuffel
brauche viel Zeit um etwas auf Touren zu kommen. Nach einem kleinen Frühstück
holte mich Toni ab und wir fuhren zusammen mit Gesine, einer Nachbarin von Toni,
nach Heidelberg und stellten das Auto in der Tiefgarage am Kornmarkt ab. Getroffen
haben wir unsere Lauffreunde am Uniplatz, wo wir einige Bilder mit den neuen gesponserten
Laufshirts machten. Die Zeit bis zum Start verging sehr langsam wogegen die Nervosität
schnell steil anstieg. Den einen oder anderen Bekannten noch begrüßt
(Thomas , Roland) und dann stand der Startschuss endlich bevor.
Nach
dem Start um 9.30 Uhr dauerte es 3 Minuten bis ich die Startlinie überqueren
konnte. Es war spannend und kribbelte schon sehr beim ersten großen Lauf.
Zunächst bin ich mit Martin gelaufen denn die anderen verteilten sich recht
schnell und ich wusste dass Martin ungefähr auf meinem Niveau läuft.
Toni war lange weg, denn er läuft in einer anderen Klasse als ich. Martin
und ich sind zusammen durch die Hauptstrasse gelaufen, wo es noch sehr eng war.
Nach der Alten Brücke hatte ich das Gefühl dass Martin an diesem Tage
etwas langsamer ist und so machte ich mich alleine auf den Weg den Neckar entlang
bis nach Neuenheim. Dort kamen mir die ersten Läufer nach dem Turn in Neuenheim
schon wieder entgegen was zwar etwas nervös machte aber ich lief mein eingeschlagenes
Tempo weiter. Der erste Anstieg hoch auf den Philosophenweg - nach Km 7 - war
recht einfach da ich ihn schon mehrmals gelaufen bin und ich wusste was mir bevorstand.
Oben hatten wir bis zum höchsten Punkt bei km 11 noch ein wenig zu laufen.
Dort schaute ich zum ersten Mal auf meine Uhr und stellte fest dass ich mit knapp
über einer Stunde gut in der vorgenommenen Zeit lag.
Bis zum Aufstieg
am Stiftsweg konnte ich mich recht gut regenerieren. Marion schloss zu mir auf
und forderte mich auf mit ihr mitzulaufen Ich zog es aber vor, mein eingeschlagenes
Tempo beizubehalten.
Beim
Ablaufen zum Stift ist mir dann Elke begegnet, die aber am steilen Anstieg zum
nächsten Hochpunkt den Kontakt wieder abreisen lassen musste. Der sehr schwere
Anstieg fiel mir an diesem Tage deutlich leichter als sonst. Christine und Ulrike
warteten dort und ich hatte genügend Luft für ein Küsschen.
Nach
einem ebenso steilen Abstieg in die Neckarhelle wartete der nächste Höhepunkt
an der Ziegelhäuser Brücke, die voll besetzt war und wo wir begeistert
angefeuert wurden. Über der Brücke hatten wir die 15 km Marke erreicht.
Die
Gedanken waren schon beim Schlussanstieg hoch zum Schloss. Ich habe versucht,
mich den Neckar entlang laufend etwas zu erholen. Der Anstieg war hart und ohne
Gehpassage war er an diesem Tage von mir nicht zu bezwingen. Oben angekommen war
ich froh aber auch ziemlich erschöpft. Beim langsamen Lauf erholte ich mich
recht flott. Dort begegnete ich Markus mit dem ich einige Worte wechselte bevor
er an mir vorbeizog. Den Abstieg vom Schloss bis zur Hauptstrasse nutzte ich,
um einige Plätze aufzuholen. Unten angekommen war ich deshalb recht platt
so dass der Lauf durch die Hauptstrasse doch län-ger war als ich es mir vorstellte.
Vorbei an der jubelnden Menge erreichte ich nach 2 h 11 min 40 sec den Zieleinlauf
- ein wunderbares Erlebnis! Als erstes lief mir Toni über den Weg, der mir
herzlich gratulierte. Christine und Ulrike waren in der Zwischenzeit auf dem Uniplatz
angekommen und beglückwünschten uns alle. Nach und nach trafen alle
unsere Lauffreunde ein. Wir plauderten noch lange miteinander und erfrischten
uns dabei. Mit Toni bin ich anschließend noch in die Sauna ins Studio, um
die Regeneration einzuleiten. Ich war ziemlich stolz auf mich den ersten großen
Lauf bestanden zu haben und war an diesem Tage auch sehr zuversichtlich was den
Marathon in New York anging.
New York City Marathon am 06.11.2005
Nach
dem Heidelberger Halbmarathon sollte die lange Vorbereitungszeit für den
New York Marathon beginnen. Doch schon beim ersten Trainingslauf am 5. Mai mit
der Gruppe von Martin begann eine lange Leidenszeit mit einer Trainingspause von
fast 7 Wochen. Beim bergab laufen verspürte ich einen Schmerz im rechten
Oberschenkel hinten, der ein schmerzfreies Laufen unmöglich machte. Beim
Abendlauf am 9. Mai traten die Schmerzen erneut auf. Aufgrund der Verletzung musste
ich auch den Spargellauf (Halbmarathon) und den BASF Firmencup (5 km) absagen.
Ende
Juni begann ich langsam wieder mit dem Training auf dem Laufband. Nach der langen
Pause fiel es mir schwer wieder lange zu trainieren und hatte immer noch ein schlechtes
Gefühl im Oberschenkel.
Ich entschloss mich einen Arzt aufzusuchen, bekam
aber bei Dr. Beks keinen Termin und ging in die Atosklinik zu Dr. Gruber. Dieser
diagnostizierte einen Muskelfaserriss und verschrieb mir Salbe und Reizstrom.
Zudem hat er mir geraten, mit dem Laufen aufzuhören. Toni organisierte mir
einen Termin beim Physiotherapeuten Teuber am 1. Juli. Er bat mich, meine Beschwerden
zu beschreiben. Er schaute sich meine Beine an und war der Überzeugung, dass
meine Probleme vom Rücken her kommen. Er zeigte mir einige Übungen,
die ich zur Kräftigung der Rückenmuskulatur durchführen sollte
und durchaus im Studio ergänzen konnte. Ich hatte zum ersten Mal seit knapp
8 Wochen wieder ein positives Gefühl und sah noch die Chance für New
York ausreichend trainiert zu sein.
Ich
begann nun wieder regelmäßig zu Laufen und steigerte das Training bis
zu 5 Mal die Woche. Zwischendurch machte ich die von Teuber empfohlenen Rückenübungen
zur Stärkung der Muskulatur. Ich merkte dass das genau das Richtige für
mich war, denn die Schmerzen im Oberschenkel traten nicht mehr auf. Ich hatte
noch zwei Termine bei Teuber, der mir immer wieder neue Übungen zeigte. Anfang
August war ich dann wieder voll im Training und quälte Laufband oder lief
mit den Lauffreunden den Neckar entlang. Vermeiden wollte ich aber auf jeden Fall
Bergläufe da ich ja auch wieder runter musste.
Durch Zufall kam ich bei
Pfitzenmeier in Kontakt mit Michael, der für den Berlin Marathon trainierte.
Mit ihm fanden wir eine Gruppe von Läuferinnen und Läufern, mit denen
wir bis zum Schluss unter "Leitung" von Michael ein tolles Team waren.
Im
September begannen wir mit den langen Läufen auf unterschiedlichen Strecken:
·
Seckenheim: 28.5 km
· Neckargemünd: 20 km
· Ladenburg:
22.5 km
· Kirchheim/Hockenheim: 29.5 km
Die
langen Läufe beendeten wir häufig im Studio mit Sekt und Brezeln. Nach
der Sauna beendeten wir den Trainingstag im Rossi - es waren immer sehr lange
Samstage ;-). Christine war davon weniger begeistert *grins*
Neben langen Läufen
trainierten wir noch zweimal die Woche. Der Wochenschnitt lag bei 50-60 Km. Ergänzend
dazu machte ich meine Rückenübungen an den Geräten.
Zum meinem
Leidwesen traten bei den langen Läufen Probleme im linken Knie am operierten
Meniskus auf. Durch Eineisen nach den Trainigseinheiten hielten sich die Schmerzen
aber in Grenzen. Zu guter Letzt wurde ich am 19.10. - 3 Wochen vor New York -
auch noch krank. Halsschmerzen zwangen mich ins Bett weshalb ich eine Woche nicht
trainieren konnte. Vor New York absolvierten wir noch drei Trainingsläufe
wobei das Tempo wie fast immer zu hoch war.
Am Dienstag, dem 01. November,
begann unsere Reise. Zusammen mit Hesses machten wir uns um 7.00 Uhr bei Regen
auf den Weg zum Frankfurter Flughafen. Toni und Dominik brachten die Autos nach
Kelsterbach und wir checkten ein. Wir trafen jede Menge Leute, die ebenfalls zum
Marathon nach New York flogen. Nach der üblich langen Wartezeit bis zum bording
ging es dann endlich los. Mit der Continental Airlines flogen wir über die
Nordroute New York City entgegen. Beim Landeanflug auf den Flugplatz von Newark
hatten wir einen ersten Blick auf Manhattan mit dem Empire State Building und
dem Chrysler Building. Unser Taxidienst war leider nicht eingetroffen so dass
wir - angesprochen von einem "riesigen"
Farbigen
im feinen Anzug - eine Limousine anmieteten, um zum Hotel zu gelangen. Unser Hotel
befand sich in der 34th Strasse gegenüber der Penn Station und dem Madisson
Square Garden. In Sichtweite das Empire State Building - nur zwei Blocks entfernt.
Das Hotel - Regency Inn - war untere Kategorie - wenigstens hatten wir ein eigenes
Bad. Am ersten Abend schlenderten wir die 5th Avenue bis zum Times Square. Im
Tadd´s Steak House aßen wir mehr oder weniger gut. Ohne Hesses besichtigten
wir das Empire State Building bei Nacht. Von der Aussichtsplattform im 86-ten
Stock hatten wir bei klarem Wetter einen atemberaubenden Blick und das Lichtermeer
der Stadt hinterließ den erwartet schönen Eindruck.
Am Freitag gingen
Toni und ich auf die Marathon Messe, um die letzten Anmeldeformalitäten zu
erledigen und um unsere Startnummer und den Champion Chip entgegen zu nehmen.
Am Abend waren wir zu einer Bootsfahrt um Manhattan von "Inter Air"
eingeladen wo wir auch auf Heidi, Natascha, Michaela und Dieter trafen. Endlich
war das Team wieder zusammen. Die Bootsfahrt vom Hudson River um die Südspitze
von Manhattan bis zum East River bot einen super schönen Blick auf Manhattan
und Liberty Island. Die Manhattan und die Brooklyn Bridge strahlten mit ihrer
Abendbeleuchtung. Informationen und Tipps von Herbert Steffny zum bevorstehenden
Marathon begleiteten die Bootsfahrt.
Am
05. November stand das erste Laufereignis an - der Friendship Run vom UN Gebäude
bis zum Central Parc. Wir gingen mit der "Inter Air" Truppe vom Hotel
zum UN Gebäude. Das Gelände auf dem UN Gebäude füllte sich
rasch mit vielen Tausend Läuferinnen und Läufer. Nach einigen Reden
und Vorstellung der Fahnenträger begann der Lauf. Locker brachten wir die
ca. 5 Meilen bis zum Central Parc hinter uns begleitet von vielen kostümierten
und fröhlichen Menschen. Im Parc erwartete uns ein "Frühstück",
das von süßen Mädels gereicht wurde. Dort trafen wir auch auf
Adelheid und ihren Mann. Im Zielbereich trafen wir auf unsere Familien und hatten
noch lange viel Spaß mit den Tausenden von Menschen aus allen Nationen der
Welt. Der Lauf wird genauso in Erinnerung bleiben wie der Marathon selbst denn
hier hatte ich das erste Mal das Gefühl jetzt dazu zugehören.
Die
Nacht vor dem Marathon war eher kurz, und die Nervosität stieg von Stunde
zu Stunde. Der Wecker klingelte um 5 Uhr da unser Bus bereits um 6 Uhr vor dem
Hotel stand, um uns nach Staten Island zu bringen. Ein Kaffee im Stehen und ein
Riegel musste vorerst als Frühstück reichen denn auf Staten Island wartete
auf uns alles was man benötigt: Bagel, Wasser, Kaffee, Riegel und Gatorate.
Die Fahrt durch die Stadt wurde zu einem Wettrennen der Busse und ich war froh,
endlich die Verrazano Narrows Bridge zu erkennen. Am Eingang auf das riesige Areal
wurden wir nicht kontrolliert was mich doch sehr erstaunte. Mit Toni machte ich
mich auf die Suche nach Heidi, Natascha und Dieter. Wir trafen sie am vereinbarten
Treffpunkt unter einem großen Zelt. Vom Gelände aus hatte man einen
beeindruckenden Blick auf die noch im Nebel liegende Verrezano Bridge. Das Camp
füllte sich schnell. Die lange Wartezeit bis zum Start überbrückten
wir mit Kaffee, Bagels und Was-ser. So wie es oben
rein
kam, wollte es unten raus. Von Minute zu Minute wurden die Schlangen vor den Dixie-Klos
immer länger.
Gegen 9.30 Uhr reihten wir uns in die lange Schlange in
Richtung Start ein. Toni war mal wieder wortlos verschwunden wie beim Heidelberger
Halbmarathon. Heidi, Natascha, Dieter und ich bleiben zusammen und es war ein
sehr kribbelndes Gefühl als wir die Brücke betraten. Nach der Vorstellung
der Spitzenläufer spielten sie die Nationalhymne und mit einem Kanonenschlag
begann der NEW YORK CITY MARATHON 2005. Danach Gänsehaut pur als der Klassiker
von Frank Sinatra "New York - New York" gespielt wurde. Die Warmhalteklamotten
waren nun überflüssig und wurden an den Seitenrand gelegt. Diese werden
eingesammelt und an Bedürftige verteilt. Wir hatten das Glück auf der
oberen Etage der Brücke laufen zu dürfen. Noch ein letztes Foto von
uns Vieren und wir fingen an zu laufen. Es dauerte mehr als vier Minuten bis wir
die Startlinie überquerten - mein erster Marathon hatte begonnen. Stolz wie
ein König setze ich mich in Bewegung. Mein Ziel - ja nicht zu schnell angehen,
viel Trinken, Kraft sparen, Zeit für möglichst viele Photos nehmen -
hatte ich nicht aus den Augen verloren. Auch wenn es am Ende schwer wurde, bereue
ich keinen Weg, den ich unnötig zurückgelegt hatte. Es machte riesigen
Spaß, am Rande stehende begeisterte Zuschauer abzuklatschen und die Freude
über den Lauf mit ihnen zu teilen. Am Ende war mir klar, dass Stehen bleiben,
Zurücklaufen für gute Motive und Hin- und Herlaufen viel Kraft gekostet
haben - doch es hat sich gelohnt.
Nach
der Verrezano Bridge liefen wir durch die eher engen Strassen in Brooklyn. Schon
hier standen die Mensche sehr zahlreich an den Straßenrändern (insgesamt
mehr als 3 Millionen). Es machte ihnen genauso viel Spaß wie uns. Die Stimmung
wurde von Meile zu Meile besser. Nach den ersten Meilen bekamen wir mehr Bewegungsfreiheit
da sich das Feld doch etwas lichtete und die Straßen breiter wurden. Im
Gegensatz zu den Spitzenläufern läuft die große Masse als langer
Bandwurm durch die Stadt, man muss höllisch aufpassen, um "Hindernisse"
wie gehende und langsame Läufer problemlos zu umkurven. Schon in Brooklyn
war die Stimmung super - es sollte aber unbeschreiblich bei der Ankunft im Central
Park werden. Über die Pulaski Bridge kamen wir nach Queens bis wir auf der
Höhe des Central Parks die nächste Brücke zu bewältigen hatten
- die Queensborough Bridge. Der lange Anstieg bei km 21 - also Halbzeit - war
Kräfte zehrend doch es war ein gutes Gefühl noch ohne größere
Probleme die Hälfte geschafft zu haben. Zudem entschädigte der herrliche
Blick auf Manhattan und Down Town für die bis hierhin gelaufenen Meilen.
Nach der Überquerung der Queensboro Bridge bogen wir auf Höhe der 59th
Strasse in die 1st Avenue ein. In der Kurve unter der Queensborough Bridge blieb
ich mal wieder stehen, um das Feld zu fotografieren. Plötzlich hörte
ich rechts von mir aus der Menschenmenge "Bobby...Bobby" rufen. Christine,
Domi, Bene und die Hesses standen am Straßenrand und jubelten uns zu. Ich
nutzte die Gelegenheit kurz anzuhalten und "hallo" zu sagen. Ich fühlte
mich noch super und hatte noch genügend Kraft, um wieder auf die anderen
aufzulaufen. Plötzlich sah ich, dass Heidi unter der Brücke gestürzt
war. Dieter war bei ihr und wir schauten nach was passiert war. Heidi ging es
aber Gott sei Dank gut und sie konnte weiter laufen Natascha war indes weiter
gelaufen und aus unseren Augen verschwunden. War die Strecke bis hierher eher
kurvig so verlief nun der lange Weg die 1st Avenue hoch über mehr als 70
Häuserblocks kerzengerade. Die lange Schlange von Läufern am Ende des
Horizonts nahm kein Ende und die an beiden Straßenseiten in mehreren Reihen
stehenden Zuschauer ließen uns keine Zeit über aufkommende Schwächen
nachzudenken. Unterstützt durch Power Gels sowie Wasser oder Gatorade kamen
wir dem "Mann mit dem Hammer" oder "der Wand" nicht in die
Nähe, die Beine und Füße waren zwar nicht mehr so locker wie am
Start doch trugen sie uns
unvermindert
weiter in Richtung Ziel. Auf der 1th Avenue lief ich Heidi und Dieter laufen.
Mir war es jetzt wichtiger weiterhin Bilder zu schießen und lieber ab und
zu dafür stehen zu bleiben als mit den beiden unverdrossen weiter zu laufen.
Hinzu kam noch dass die Camera plötzlich nicht mehr wollte - bei ausgefahrenem
Objektiv ging nichts mehr. Ich dachte es lag am leeren Akku und so wechselte ich
während dem Laufen auf den Ersatzakku. Komischerweise ging dieser auch nicht.
Ich war darauf eingestellt dass es nun fertig war Bilder zu schießen und
war etwas frustriert. Plötzlich begann sich das Objektiv zu schließen
und meine Camera funktionierte wieder. Das Schütteln während dem Laufen
und die Nässe waren wohl doch nicht so gut für die Camera.
Kurz
vor Meile 20 überquerte ich die Williams Avenue Bridge und wechselte von
Manhattan in die South-Bronx. In der ersten Kurve standen begeisterte Menschen
und ich entdeckte eine Gruppe von Farbigen, auf die ich zusteuerte. In meiner
Euphorie umarmte ich alle drei gleichzeitig obwohl dies bei deren Körpermaßen
sehr schwer war. Ich fühlte mich echt glücklich wie freundlich ich aufgenommen
wurde. Bevor ich weiterlief, bannte ich die Drei auf meine Camera. Eine Meile
später wieder eine Brücke (Madison Avenue Bridge), die mich aus der
Bronx nach Harlem führte. Der lange Rückweg bis zum Central Park über
die 5th Avenue stand bevor - das Strassen Abwärtszählen begann. Es fiel
mir nun deutlich schwerer zu laufen
und
an den Verpflegungsstellen nutzte ich die Trinkzeit um beim gehen meine Beine
etwas zu erholen. Weiter angetrieben von unzähligen jubelnden Menschen kam
ich endlich am Central Park an. Die Anzahl der Menschenmassen nahm weiterhin zu,
was auch von Nöten war denn der letzte Streckenabschnitt hatte es wahrlich
in sich denn die Strecke im Central Park ist sehr hügelig und kurvig und
die Ausweichmanöver nehmen zu da viele Läufer vor Erschöpfung gehen
oder sogar stehen bleiben. Ich erreichte bald das Meilenschild mit der "25"
und wussten dass es nur noch etwas mehr als eine Meile zum Ziel war. Und unverhofft
traf ich wieder Auf Christine und die Kids. Ich hielt wieder an und holte mir
von Christine einen Kuss ab. Nach ein paar Worten nahm ich meinen Weg wieder auf.
Rufe wie "go", "good job", "you will do it", "there
is no wall" nahm ich als Ansporn und mobilisierte die letzten Reserven. Noch
ein kurzer Schlenker aus dem Park über den Columbus Circle wieder in den
Park dann war das Ziel sehr nahe. Die letzten Yards ins Ziel gingen leicht bergauf
und trotz schweren Beinen genoss ich sie mit einem unglaublichen Wohlgefühl.
Die Ziellinie überquerte ich mit erhobenen Händen im Gehen und war einfach
nur HAPPY - es war geschafft!
Mein
Vorhaben - die erste Frau nach dem Überschreiten der Ziellinie zu umarmen
- setzte ich in die Realität um und umarmte eine Helferin. Ich gab meine
Camera einem Fotografen und er schoss einige Bilder von mir. Noch im Glücksrausch
holte ich mir meine Siegermedaille ab. Ein Finisher Foto mit der eigenen Camera
rundete den ersten Marathon in meinem Leben ab. Die ausgepumpten Körper der
Finisher begannen sofort zu zittern und nur durch eine dünne Alufolie konnte
uns warm halten. Nach Obst und Getränken, die gereicht wurden, war die Welt
wieder halbwegs in Ordnung obwohl mir nach den ersten Bisse in den Apfel mulmig
im Magen wurde. Ich aß langsam und konzentriert und erholte mich schnell.
Ein langer Weg durch den Park führte zum Kleiderwagen wo ich meinen Sack
mit warmer Kleidung abholte. In der Family Union angekommen, traf ich auf jede
Menge
glückliche
Gesichter, die mir zu meiner Leistung gratulierten. Ich war der letzte aus unserer
Gruppe, der im Ziel angekommen war aber das war unbedeutend für mich. Dank
guter Vorbereitung regenerierten wir alle recht schnell und wir traten nach einem
kühlen Bier unseres Reiseveranstalters "Inter Air" den Weg ins
Hotel zur 34th Strasse zu Fuß an.
Im Hotel angekommen, ging es erstmal
unter die Dusche. Die Beine waren wieder fast wie neu und wir
machten
uns auf, um etwas zu Essen. An diesem Abend hatte ich riesigen Hunger auf einen
dicken Burger und so gingen wir ins Tip Top und ich aß den größten
Burger den es gab. Satt und glücklich mit meiner Siegermedaille um den Hals
machten wir uns auf, um die Finisher-Party von "Inter air" in einem
Pub zu besuchen. Dort gabs Bier - leider kein Guinness - und es schmeckte richtig
gut. Nachdem einige Worte vom Veranstalter gesprochen waren, wurden verschiedene
Marathonstartnummern verlost. Leider hatte ich kein Glück, eine zu gewinnen.
Wir gingen nach der Verlosung über den Times Square zurück zum Hotel
und ich legte mich glücklich ins Bett und schlief ein.
Der
erste Marathon war nicht nur für mich ein grandioses Erlebnis, das mit vielen
auf der Strecke selbst geschossenen Bildern wohl für immer unvergessen bleibt.
Ein Erlebnis, für das sich jeder Trainingskilometer gelohnt haben. Es war
sicherlich nicht der letzte Marathon.
Autor: ©
DR. BOBBY BROX
Freier Wissenschaftsjournalist
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