Reportagen und Erfahrungsberichte von Sportlern des Lauftreff Rhein-Neckar

Reportage New York - Marathon 2005:

Aus einem Traum wird Wirklichkeit

oder: Wie aus einem Fußballer ein Marathonläufer wurde

Nachdem Toni in 2004 den Heidelberg Halbmarathon hinter sich gebracht hatte, saßen wir abends bei Bier und Würstchen auf Hesses Terrasse und bewunderten seine Leistung. Ich sagte zu Toni: "Weißt du was ich mir einmal wünschen würde? Den New York Marathon zu laufen". Alle lachten ungläubig und das Thema war vom Tisch. Der Gedanke ging mir jedoch nicht aus dem Kopf.
An Weihnachten 2004 waren Hesses bei uns zum Essen und wir griffen das Thema "New York Marathon" wieder auf. Wir entschieden nach kurzer Diskussion, am 06.11.2005 in New York starten zu wollen. Unsere Organisationskünstlerin Ulrike übernahm die Suche nach einem Veranstalter sowie die Anmeldung. Über "inter Air" konnte sie noch Plätze ergattern und buchte für uns und unsere Familien den Aufenthalt in New York.
Nachdem es amtlich war, begann ab Februar das Training für mich - Toni war schon mona-telang im Training - es galt einiges aufzuholen. Um uns besser beim Training gegenseitig zu motivieren, meldete ich mich in einem Heidelberger Sport-Studio an.
Ein langes und sehr intensives Training auf dem Laufband und/oder mit Toni outdoor stand bevor. Minimum 5 Mal die Woche war Pflicht. Mit Toni bin ich auch das erste Mal über 20 Km gelaufen als er mich bis zur Ladenburger Eisenbahnbrücke und zurück schleppte. Mit einer Zeit von ca. 2 h 25 min für die ca. 22 km waren wir ganz gut im Rennen.

Der erste Höhepunkt in 2005 war mit dem Heidelberger Halbmarathon am 24.04.2005 ge-kommen. Da Heidi, die ich kurz vorher beim Laufen mit Gabi und Toni kennen gelernt hatte, nicht teilnehmen konnte, hatte ich ihre Startberechtigung übernommen. Am Tag vorher konnte ich die Startnummer "1789" abholen. Anschließend gingen wir noch zur Pasta Party, um uns etwas für den Wettkampf zu stärken.

Der Heidelberger Halbmarathon 2005

Der 24.04.2005 begann für mich mit Aufstehen um 6 Uhr. denn als Morgenmuffel brauche viel Zeit um etwas auf Touren zu kommen. Nach einem kleinen Frühstück holte mich Toni ab und wir fuhren zusammen mit Gesine, einer Nachbarin von Toni, nach Heidelberg und stellten das Auto in der Tiefgarage am Kornmarkt ab. Getroffen haben wir unsere Lauffreunde am Uniplatz, wo wir einige Bilder mit den neuen gesponserten Laufshirts machten. Die Zeit bis zum Start verging sehr langsam wogegen die Nervosität schnell steil anstieg. Den einen oder anderen Bekannten noch begrüßt (Thomas , Roland) und dann stand der Startschuss endlich bevor.
Nach dem Start um 9.30 Uhr dauerte es 3 Minuten bis ich die Startlinie überqueren konnte. Es war spannend und kribbelte schon sehr beim ersten großen Lauf. Zunächst bin ich mit Martin gelaufen denn die anderen verteilten sich recht schnell und ich wusste dass Martin ungefähr auf meinem Niveau läuft. Toni war lange weg, denn er läuft in einer anderen Klasse als ich. Martin und ich sind zusammen durch die Hauptstrasse gelaufen, wo es noch sehr eng war. Nach der Alten Brücke hatte ich das Gefühl dass Martin an diesem Tage etwas langsamer ist und so machte ich mich alleine auf den Weg den Neckar entlang bis nach Neuenheim. Dort kamen mir die ersten Läufer nach dem Turn in Neuenheim schon wieder entgegen was zwar etwas nervös machte aber ich lief mein eingeschlagenes Tempo weiter. Der erste Anstieg hoch auf den Philosophenweg - nach Km 7 - war recht einfach da ich ihn schon mehrmals gelaufen bin und ich wusste was mir bevorstand. Oben hatten wir bis zum höchsten Punkt bei km 11 noch ein wenig zu laufen. Dort schaute ich zum ersten Mal auf meine Uhr und stellte fest dass ich mit knapp über einer Stunde gut in der vorgenommenen Zeit lag.
Bis zum Aufstieg am Stiftsweg konnte ich mich recht gut regenerieren. Marion schloss zu mir auf und forderte mich auf mit ihr mitzulaufen Ich zog es aber vor, mein eingeschlagenes Tempo beizubehalten.
Beim Ablaufen zum Stift ist mir dann Elke begegnet, die aber am steilen Anstieg zum nächsten Hochpunkt den Kontakt wieder abreisen lassen musste. Der sehr schwere Anstieg fiel mir an diesem Tage deutlich leichter als sonst. Christine und Ulrike warteten dort und ich hatte genügend Luft für ein Küsschen.
Nach einem ebenso steilen Abstieg in die Neckarhelle wartete der nächste Höhepunkt an der Ziegelhäuser Brücke, die voll besetzt war und wo wir begeistert angefeuert wurden. Über der Brücke hatten wir die 15 km Marke erreicht.
Die Gedanken waren schon beim Schlussanstieg hoch zum Schloss. Ich habe versucht, mich den Neckar entlang laufend etwas zu erholen. Der Anstieg war hart und ohne Gehpassage war er an diesem Tage von mir nicht zu bezwingen. Oben angekommen war ich froh aber auch ziemlich erschöpft. Beim langsamen Lauf erholte ich mich recht flott. Dort begegnete ich Markus mit dem ich einige Worte wechselte bevor er an mir vorbeizog. Den Abstieg vom Schloss bis zur Hauptstrasse nutzte ich, um einige Plätze aufzuholen. Unten angekommen war ich deshalb recht platt so dass der Lauf durch die Hauptstrasse doch län-ger war als ich es mir vorstellte. Vorbei an der jubelnden Menge erreichte ich nach 2 h 11 min 40 sec den Zieleinlauf - ein wunderbares Erlebnis! Als erstes lief mir Toni über den Weg, der mir herzlich gratulierte. Christine und Ulrike waren in der Zwischenzeit auf dem Uniplatz angekommen und beglückwünschten uns alle. Nach und nach trafen alle unsere Lauffreunde ein. Wir plauderten noch lange miteinander und erfrischten uns dabei. Mit Toni bin ich anschließend noch in die Sauna ins Studio, um die Regeneration einzuleiten. Ich war ziemlich stolz auf mich den ersten großen Lauf bestanden zu haben und war an diesem Tage auch sehr zuversichtlich was den Marathon in New York anging.

New York City Marathon am 06.11.2005

Nach dem Heidelberger Halbmarathon sollte die lange Vorbereitungszeit für den New York Marathon beginnen. Doch schon beim ersten Trainingslauf am 5. Mai mit der Gruppe von Martin begann eine lange Leidenszeit mit einer Trainingspause von fast 7 Wochen. Beim bergab laufen verspürte ich einen Schmerz im rechten Oberschenkel hinten, der ein schmerzfreies Laufen unmöglich machte. Beim Abendlauf am 9. Mai traten die Schmerzen erneut auf. Aufgrund der Verletzung musste ich auch den Spargellauf (Halbmarathon) und den BASF Firmencup (5 km) absagen.
Ende Juni begann ich langsam wieder mit dem Training auf dem Laufband. Nach der langen Pause fiel es mir schwer wieder lange zu trainieren und hatte immer noch ein schlechtes Gefühl im Oberschenkel.
Ich entschloss mich einen Arzt aufzusuchen, bekam aber bei Dr. Beks keinen Termin und ging in die Atosklinik zu Dr. Gruber. Dieser diagnostizierte einen Muskelfaserriss und verschrieb mir Salbe und Reizstrom. Zudem hat er mir geraten, mit dem Laufen aufzuhören. Toni organisierte mir einen Termin beim Physiotherapeuten Teuber am 1. Juli. Er bat mich, meine Beschwerden zu beschreiben. Er schaute sich meine Beine an und war der Überzeugung, dass meine Probleme vom Rücken her kommen. Er zeigte mir einige Übungen, die ich zur Kräftigung der Rückenmuskulatur durchführen sollte und durchaus im Studio ergänzen konnte. Ich hatte zum ersten Mal seit knapp 8 Wochen wieder ein positives Gefühl und sah noch die Chance für New York ausreichend trainiert zu sein.
Ich begann nun wieder regelmäßig zu Laufen und steigerte das Training bis zu 5 Mal die Woche. Zwischendurch machte ich die von Teuber empfohlenen Rückenübungen zur Stärkung der Muskulatur. Ich merkte dass das genau das Richtige für mich war, denn die Schmerzen im Oberschenkel traten nicht mehr auf. Ich hatte noch zwei Termine bei Teuber, der mir immer wieder neue Übungen zeigte. Anfang August war ich dann wieder voll im Training und quälte Laufband oder lief mit den Lauffreunden den Neckar entlang. Vermeiden wollte ich aber auf jeden Fall Bergläufe da ich ja auch wieder runter musste.
Durch Zufall kam ich bei Pfitzenmeier in Kontakt mit Michael, der für den Berlin Marathon trainierte. Mit ihm fanden wir eine Gruppe von Läuferinnen und Läufern, mit denen wir bis zum Schluss unter "Leitung" von Michael ein tolles Team waren.
Im September begannen wir mit den langen Läufen auf unterschiedlichen Strecken:
· Seckenheim: 28.5 km
· Neckargemünd: 20 km
· Ladenburg: 22.5 km
· Kirchheim/Hockenheim: 29.5 km

Die langen Läufe beendeten wir häufig im Studio mit Sekt und Brezeln. Nach der Sauna beendeten wir den Trainingstag im Rossi - es waren immer sehr lange Samstage ;-). Christine war davon weniger begeistert *grins*
Neben langen Läufen trainierten wir noch zweimal die Woche. Der Wochenschnitt lag bei 50-60 Km. Ergänzend dazu machte ich meine Rückenübungen an den Geräten.
Zum meinem Leidwesen traten bei den langen Läufen Probleme im linken Knie am operierten Meniskus auf. Durch Eineisen nach den Trainigseinheiten hielten sich die Schmerzen aber in Grenzen. Zu guter Letzt wurde ich am 19.10. - 3 Wochen vor New York - auch noch krank. Halsschmerzen zwangen mich ins Bett weshalb ich eine Woche nicht trainieren konnte. Vor New York absolvierten wir noch drei Trainingsläufe wobei das Tempo wie fast immer zu hoch war.
Am Dienstag, dem 01. November, begann unsere Reise. Zusammen mit Hesses machten wir uns um 7.00 Uhr bei Regen auf den Weg zum Frankfurter Flughafen. Toni und Dominik brachten die Autos nach Kelsterbach und wir checkten ein. Wir trafen jede Menge Leute, die ebenfalls zum Marathon nach New York flogen. Nach der üblich langen Wartezeit bis zum bording ging es dann endlich los. Mit der Continental Airlines flogen wir über die Nordroute New York City entgegen. Beim Landeanflug auf den Flugplatz von Newark hatten wir einen ersten Blick auf Manhattan mit dem Empire State Building und dem Chrysler Building. Unser Taxidienst war leider nicht eingetroffen so dass wir - angesprochen von einem "riesigen" Farbigen im feinen Anzug - eine Limousine anmieteten, um zum Hotel zu gelangen. Unser Hotel befand sich in der 34th Strasse gegenüber der Penn Station und dem Madisson Square Garden. In Sichtweite das Empire State Building - nur zwei Blocks entfernt. Das Hotel - Regency Inn - war untere Kategorie - wenigstens hatten wir ein eigenes Bad. Am ersten Abend schlenderten wir die 5th Avenue bis zum Times Square. Im Tadd´s Steak House aßen wir mehr oder weniger gut. Ohne Hesses besichtigten wir das Empire State Building bei Nacht. Von der Aussichtsplattform im 86-ten Stock hatten wir bei klarem Wetter einen atemberaubenden Blick und das Lichtermeer der Stadt hinterließ den erwartet schönen Eindruck.
Am Freitag gingen Toni und ich auf die Marathon Messe, um die letzten Anmeldeformalitäten zu erledigen und um unsere Startnummer und den Champion Chip entgegen zu nehmen. Am Abend waren wir zu einer Bootsfahrt um Manhattan von "Inter Air" eingeladen wo wir auch auf Heidi, Natascha, Michaela und Dieter trafen. Endlich war das Team wieder zusammen. Die Bootsfahrt vom Hudson River um die Südspitze von Manhattan bis zum East River bot einen super schönen Blick auf Manhattan und Liberty Island. Die Manhattan und die Brooklyn Bridge strahlten mit ihrer Abendbeleuchtung. Informationen und Tipps von Herbert Steffny zum bevorstehenden Marathon begleiteten die Bootsfahrt.
Am 05. November stand das erste Laufereignis an - der Friendship Run vom UN Gebäude bis zum Central Parc. Wir gingen mit der "Inter Air" Truppe vom Hotel zum UN Gebäude. Das Gelände auf dem UN Gebäude füllte sich rasch mit vielen Tausend Läuferinnen und Läufer. Nach einigen Reden und Vorstellung der Fahnenträger begann der Lauf. Locker brachten wir die ca. 5 Meilen bis zum Central Parc hinter uns begleitet von vielen kostümierten und fröhlichen Menschen. Im Parc erwartete uns ein "Frühstück", das von süßen Mädels gereicht wurde. Dort trafen wir auch auf Adelheid und ihren Mann. Im Zielbereich trafen wir auf unsere Familien und hatten noch lange viel Spaß mit den Tausenden von Menschen aus allen Nationen der Welt. Der Lauf wird genauso in Erinnerung bleiben wie der Marathon selbst denn hier hatte ich das erste Mal das Gefühl jetzt dazu zugehören.
Die Nacht vor dem Marathon war eher kurz, und die Nervosität stieg von Stunde zu Stunde. Der Wecker klingelte um 5 Uhr da unser Bus bereits um 6 Uhr vor dem Hotel stand, um uns nach Staten Island zu bringen. Ein Kaffee im Stehen und ein Riegel musste vorerst als Frühstück reichen denn auf Staten Island wartete auf uns alles was man benötigt: Bagel, Wasser, Kaffee, Riegel und Gatorate. Die Fahrt durch die Stadt wurde zu einem Wettrennen der Busse und ich war froh, endlich die Verrazano Narrows Bridge zu erkennen. Am Eingang auf das riesige Areal wurden wir nicht kontrolliert was mich doch sehr erstaunte. Mit Toni machte ich mich auf die Suche nach Heidi, Natascha und Dieter. Wir trafen sie am vereinbarten Treffpunkt unter einem großen Zelt. Vom Gelände aus hatte man einen beeindruckenden Blick auf die noch im Nebel liegende Verrezano Bridge. Das Camp füllte sich schnell. Die lange Wartezeit bis zum Start überbrückten wir mit Kaffee, Bagels und Was-ser. So wie es oben rein kam, wollte es unten raus. Von Minute zu Minute wurden die Schlangen vor den Dixie-Klos immer länger.
Gegen 9.30 Uhr reihten wir uns in die lange Schlange in Richtung Start ein. Toni war mal wieder wortlos verschwunden wie beim Heidelberger Halbmarathon. Heidi, Natascha, Dieter und ich bleiben zusammen und es war ein sehr kribbelndes Gefühl als wir die Brücke betraten. Nach der Vorstellung der Spitzenläufer spielten sie die Nationalhymne und mit einem Kanonenschlag begann der NEW YORK CITY MARATHON 2005. Danach Gänsehaut pur als der Klassiker von Frank Sinatra "New York - New York" gespielt wurde. Die Warmhalteklamotten waren nun überflüssig und wurden an den Seitenrand gelegt. Diese werden eingesammelt und an Bedürftige verteilt. Wir hatten das Glück auf der oberen Etage der Brücke laufen zu dürfen. Noch ein letztes Foto von uns Vieren und wir fingen an zu laufen. Es dauerte mehr als vier Minuten bis wir die Startlinie überquerten - mein erster Marathon hatte begonnen. Stolz wie ein König setze ich mich in Bewegung. Mein Ziel - ja nicht zu schnell angehen, viel Trinken, Kraft sparen, Zeit für möglichst viele Photos nehmen - hatte ich nicht aus den Augen verloren. Auch wenn es am Ende schwer wurde, bereue ich keinen Weg, den ich unnötig zurückgelegt hatte. Es machte riesigen Spaß, am Rande stehende begeisterte Zuschauer abzuklatschen und die Freude über den Lauf mit ihnen zu teilen. Am Ende war mir klar, dass Stehen bleiben, Zurücklaufen für gute Motive und Hin- und Herlaufen viel Kraft gekostet haben - doch es hat sich gelohnt.
Nach der Verrezano Bridge liefen wir durch die eher engen Strassen in Brooklyn. Schon hier standen die Mensche sehr zahlreich an den Straßenrändern (insgesamt mehr als 3 Millionen). Es machte ihnen genauso viel Spaß wie uns. Die Stimmung wurde von Meile zu Meile besser. Nach den ersten Meilen bekamen wir mehr Bewegungsfreiheit da sich das Feld doch etwas lichtete und die Straßen breiter wurden. Im Gegensatz zu den Spitzenläufern läuft die große Masse als langer Bandwurm durch die Stadt, man muss höllisch aufpassen, um "Hindernisse" wie gehende und langsame Läufer problemlos zu umkurven. Schon in Brooklyn war die Stimmung super - es sollte aber unbeschreiblich bei der Ankunft im Central Park werden. Über die Pulaski Bridge kamen wir nach Queens bis wir auf der Höhe des Central Parks die nächste Brücke zu bewältigen hatten - die Queensborough Bridge. Der lange Anstieg bei km 21 - also Halbzeit - war Kräfte zehrend doch es war ein gutes Gefühl noch ohne größere Probleme die Hälfte geschafft zu haben. Zudem entschädigte der herrliche Blick auf Manhattan und Down Town für die bis hierhin gelaufenen Meilen. Nach der Überquerung der Queensboro Bridge bogen wir auf Höhe der 59th Strasse in die 1st Avenue ein. In der Kurve unter der Queensborough Bridge blieb ich mal wieder stehen, um das Feld zu fotografieren. Plötzlich hörte ich rechts von mir aus der Menschenmenge "Bobby...Bobby" rufen. Christine, Domi, Bene und die Hesses standen am Straßenrand und jubelten uns zu. Ich nutzte die Gelegenheit kurz anzuhalten und "hallo" zu sagen. Ich fühlte mich noch super und hatte noch genügend Kraft, um wieder auf die anderen aufzulaufen. Plötzlich sah ich, dass Heidi unter der Brücke gestürzt war. Dieter war bei ihr und wir schauten nach was passiert war. Heidi ging es aber Gott sei Dank gut und sie konnte weiter laufen Natascha war indes weiter gelaufen und aus unseren Augen verschwunden. War die Strecke bis hierher eher kurvig so verlief nun der lange Weg die 1st Avenue hoch über mehr als 70 Häuserblocks kerzengerade. Die lange Schlange von Läufern am Ende des Horizonts nahm kein Ende und die an beiden Straßenseiten in mehreren Reihen stehenden Zuschauer ließen uns keine Zeit über aufkommende Schwächen nachzudenken. Unterstützt durch Power Gels sowie Wasser oder Gatorade kamen wir dem "Mann mit dem Hammer" oder "der Wand" nicht in die Nähe, die Beine und Füße waren zwar nicht mehr so locker wie am Start doch trugen sie uns unvermindert weiter in Richtung Ziel. Auf der 1th Avenue lief ich Heidi und Dieter laufen. Mir war es jetzt wichtiger weiterhin Bilder zu schießen und lieber ab und zu dafür stehen zu bleiben als mit den beiden unverdrossen weiter zu laufen. Hinzu kam noch dass die Camera plötzlich nicht mehr wollte - bei ausgefahrenem Objektiv ging nichts mehr. Ich dachte es lag am leeren Akku und so wechselte ich während dem Laufen auf den Ersatzakku. Komischerweise ging dieser auch nicht. Ich war darauf eingestellt dass es nun fertig war Bilder zu schießen und war etwas frustriert. Plötzlich begann sich das Objektiv zu schließen und meine Camera funktionierte wieder. Das Schütteln während dem Laufen und die Nässe waren wohl doch nicht so gut für die Camera.

Kurz vor Meile 20 überquerte ich die Williams Avenue Bridge und wechselte von Manhattan in die South-Bronx. In der ersten Kurve standen begeisterte Menschen und ich entdeckte eine Gruppe von Farbigen, auf die ich zusteuerte. In meiner Euphorie umarmte ich alle drei gleichzeitig obwohl dies bei deren Körpermaßen sehr schwer war. Ich fühlte mich echt glücklich wie freundlich ich aufgenommen wurde. Bevor ich weiterlief, bannte ich die Drei auf meine Camera. Eine Meile später wieder eine Brücke (Madison Avenue Bridge), die mich aus der Bronx nach Harlem führte. Der lange Rückweg bis zum Central Park über die 5th Avenue stand bevor - das Strassen Abwärtszählen begann. Es fiel mir nun deutlich schwerer zu laufen und an den Verpflegungsstellen nutzte ich die Trinkzeit um beim gehen meine Beine etwas zu erholen. Weiter angetrieben von unzähligen jubelnden Menschen kam ich endlich am Central Park an. Die Anzahl der Menschenmassen nahm weiterhin zu, was auch von Nöten war denn der letzte Streckenabschnitt hatte es wahrlich in sich denn die Strecke im Central Park ist sehr hügelig und kurvig und die Ausweichmanöver nehmen zu da viele Läufer vor Erschöpfung gehen oder sogar stehen bleiben. Ich erreichte bald das Meilenschild mit der "25" und wussten dass es nur noch etwas mehr als eine Meile zum Ziel war. Und unverhofft traf ich wieder Auf Christine und die Kids. Ich hielt wieder an und holte mir von Christine einen Kuss ab. Nach ein paar Worten nahm ich meinen Weg wieder auf. Rufe wie "go", "good job", "you will do it", "there is no wall" nahm ich als Ansporn und mobilisierte die letzten Reserven. Noch ein kurzer Schlenker aus dem Park über den Columbus Circle wieder in den Park dann war das Ziel sehr nahe. Die letzten Yards ins Ziel gingen leicht bergauf und trotz schweren Beinen genoss ich sie mit einem unglaublichen Wohlgefühl. Die Ziellinie überquerte ich mit erhobenen Händen im Gehen und war einfach nur HAPPY - es war geschafft!
Mein Vorhaben - die erste Frau nach dem Überschreiten der Ziellinie zu umarmen - setzte ich in die Realität um und umarmte eine Helferin. Ich gab meine Camera einem Fotografen und er schoss einige Bilder von mir. Noch im Glücksrausch holte ich mir meine Siegermedaille ab. Ein Finisher Foto mit der eigenen Camera rundete den ersten Marathon in meinem Leben ab. Die ausgepumpten Körper der Finisher begannen sofort zu zittern und nur durch eine dünne Alufolie konnte uns warm halten. Nach Obst und Getränken, die gereicht wurden, war die Welt wieder halbwegs in Ordnung obwohl mir nach den ersten Bisse in den Apfel mulmig im Magen wurde. Ich aß langsam und konzentriert und erholte mich schnell. Ein langer Weg durch den Park führte zum Kleiderwagen wo ich meinen Sack mit warmer Kleidung abholte. In der Family Union angekommen, traf ich auf jede Menge glückliche Gesichter, die mir zu meiner Leistung gratulierten. Ich war der letzte aus unserer Gruppe, der im Ziel angekommen war aber das war unbedeutend für mich. Dank guter Vorbereitung regenerierten wir alle recht schnell und wir traten nach einem kühlen Bier unseres Reiseveranstalters "Inter Air" den Weg ins Hotel zur 34th Strasse zu Fuß an.
Im Hotel angekommen, ging es erstmal unter die Dusche. Die Beine waren wieder fast wie neu und wir machten uns auf, um etwas zu Essen. An diesem Abend hatte ich riesigen Hunger auf einen dicken Burger und so gingen wir ins Tip Top und ich aß den größten Burger den es gab. Satt und glücklich mit meiner Siegermedaille um den Hals machten wir uns auf, um die Finisher-Party von "Inter air" in einem Pub zu besuchen. Dort gabs Bier - leider kein Guinness - und es schmeckte richtig gut. Nachdem einige Worte vom Veranstalter gesprochen waren, wurden verschiedene Marathonstartnummern verlost. Leider hatte ich kein Glück, eine zu gewinnen. Wir gingen nach der Verlosung über den Times Square zurück zum Hotel und ich legte mich glücklich ins Bett und schlief ein.
Der erste Marathon war nicht nur für mich ein grandioses Erlebnis, das mit vielen auf der Strecke selbst geschossenen Bildern wohl für immer unvergessen bleibt. Ein Erlebnis, für das sich jeder Trainingskilometer gelohnt haben. Es war sicherlich nicht der letzte Marathon.

 

 

Autor: © DR. BOBBY BROX

Freier Wissenschaftsjournalist
Tel. 06223 / 46639
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E-Mail: Martin.Boeckh@t-online.de

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