Reportage
Frankfurt-Marathon 2004:
Ein
Sieg in vier Stunden achtundvierzig
Der Frankfurt-Marathon
ist ein Klassiker. Und mehr noch: Er ist sportlicher Höhepunkt all derer,
die sich neu der Faszination Laufen verschrieben haben. Doch wie sehr ein solcher
Wettkampf emotional bindet, weiß man erst hinter her. Gipfelglück und
Gletscherspalte liegen nahe beieinander. Eine ganz subjektive Betrachtung.
"No sports". Dr. Carsten Krüger versuchte vergeblich, durch das
legendäre Zitat des erklärten Nicht-Sportlers Sir Winston Churchill
seiner medizinischen Diagnose die Schärfe zu nehmen. "Oder ich will`s
mal so ausdrücken: Leistungssport ist für Sie tabu, denn Ihr Herz ist
nicht in Ordnung." Es war eine Woche vor dem Frankfurt-Marathon. Mein erster
Marathon überhaupt. Monatelanges Training und zahlreiche Entbehrungen wollte
ich eigentluch mit dem sportlichen "Event" in Frankfurt krönen.
Doch nun schien sich der Boden in Wellen aufzulösen, die Freundlichkeit des
medizinischen Personals im Mannheimer Theresienkrankenhauses wurde plötzlich
zur Fassade - und das an meinem Geburtstag. Vor genau 49 Jahre hatte ich in diesen
Räumen das Licht der Welt erblickt. Doch nun war mir alle Lust zum Feiern
vergangen. Ich stand verloren in den Gängen und stierte in einen Schaukasten
mit Herzschrittmachern. Nun hatte ich die Quittung für mein übereifriges
Streben nach sportlichen Lorbeeren, ich, der ich im Schulsport selten besser als
Durchschnitt gewesen war, im Turnen eine Flasche und beim Fußball derjenige,
der beim Wählen immer übrig geblieben war.
Meine "Sportlerkarriere"
liest sich so unspannend wie der Beipackzettel meiner Turnschuhe und ist aber
dennoch nicht ganz untypisch. Vor drei Jahren war ich zufällig zum Fitness-Triathlon
der Universität Heidelberg gestolpert. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst,
dass es jenseits vom Hawaii-Ironman noch etwas gab, was den sportlich ambitionierten
Laien hätte reizen können. Der Erfolg, das damalige "Finishen"
als Drittletzter in einer Gruppe durchtrainierter Sportstudenten gab mir Auftrieb.
Jedes Jahr machte ich ein, zwei weitere Fitness-Triathlons mit wachsendem Erfolg.
Ich begann, Blut zu lecken. Ein Jahr später der Heidelberger Halb-Marathon.
Eigentlich ein Halb-Totmarathon, denn zahlreiche Abbrecher säumten den gnadenlosen
Philosophenweg, aber ich konnte diesen Lauf zwar mit einer lausigen Zeit, aber
erhobenen Kopfes zu Ende bringen. Und als Staffel-Läufer beim ersten Mannheimer
Marathon war`s dann endgültig um mich geschehen. Mein Schritt zum Größenwahn
war vollzogen. "Nur `mal die Atmosphäre schnuppern," log ich meiner
Familie vor. Längst war ich fremd bestimmt auf dem Weg nach Frankfurt.
"No
sports." Die ärztliche Warnung von Dr. Krüger holte mich in die
Wirklichkeit zurück. Ich war ja nicht leichtfertig irgendwo hinein gestolpert.
Oder doch? Das Ergebnis der Marathon-Staffel in Mannheim war unbefriedigend. Hoher
Puls, schlechte Kondition - ich war verunsichert. Dass die Pulsuhr verrutscht
war und zudem ständig fremde Impulse auffing, erkannte ich erst hinterher.
Doch ich blieb unbeirrbar. Ich wollte es wissen. Allerdings war mir klar, dass
ohne fundiertes Training nichts laufen konnte. Zufällig las ich von dem Marathon-Projekt
der TU Darmstadt als Vorbereitung für den Frankfurt Marathon 2004. Jede Woche
drei bis vier mal laufen, dazu ein Besuch der Lauftechnik und Funktionsgymnastik
in Darmstadt - für mich als Freiberufler eigentlich gar nicht zu schaffen.
Dazu der Stress des A5-Autobahn-Feierabendverkehrs. Und ständig die Ermahnungen
des Trainers im Marathon-Projekt Dieter Bremer: "Stabilisiert euren Rumpf!"
Auch
Ratschläge sind Schläge
Jetzt - in den Katakomben des Theresienkrankenhauses
hätte ich etwas mehr Rumpfstabilsierung vertragen können. No Sports.
Chefkardiologe Prof. Markus Haass ist ein liebenswerter, geduldiger Mensch mit
viel Verständnis für ambitionierte Freizeitsportler. Doch gnadenlos
entnahm er dem Langzeit-EKG und dem Befund aus der Magnetresonanz-Tomographie,
was ich überhaupt nicht hören wollte: "No sports". Er sprach
von Herzrhythmus-Störung und fabulierte von "Vierersalven". Doch
die waren nachweislich nicht beim Sport, sondern beim nachmittäglichen Kaffeetrinken
entstanden. 
Möglicherweise eine Durchblutungsstörung, doch Sicherheit gäbe
es nur mit einer Kardioangiographie, meinte er. Ich drohte, in den Wellen medizinischer
Fachtermini zu ertrinken. Warum das alles? Nur weil mein acht Jahre altes Belastungs-EKG
trotz bester Kondition Wellen zeigte, wo keine hin gehören? Ich war selbst
schuld. Nur weil ich es genau wissen wollte und meiner journalistischen Neugier
folgte, hatte ich einen Medizin-Marathon begonnen.
Dabei war die sportliche
Realität eine ganz andere. Die Spezialisten der Heidelberger Sportmedizin
hatten mir eine prima Kondition bescheinigt, die Sauerstoff-Aufnahmewerte waren
sehr gut, und meine drei Halbmarathonläufe klappten ebenso reibungslos wie
meine Hochgebirgs-Fahrrad-Gewalttour in drei Tagen. Nicht zu vergessen, mein Ego-Trip
im Himalaja auf fast 6000 Metern Höhe vor drei Jahren. Das alles sollte mit
einem dramatischen Herzfehler zusammenhängen?
"No sports".
Ich war ratlos. Trotz vieler Ratschläge, die mehr "Schläge"
als "Rat" waren, wollte ich es endgültig wissen. Am Montag - fünf
Tage vor dem Startschuss in Frankfurt, begab ich mich unters Messer - entgegen
aller Ratschläge befreundeter Mediziner, denen das Risiko eines derartigen
Eingriffs viel zu hoch war. Der Blick durch die Arterie ins Herzen brachte endlich
Klarheit: "Herz ok - aber no sports".
Am Tag der Entscheidung
Mein
Rumpf war schon lange nicht mehr stabil. Trotz bester medizinischer Versorgung
im "Theresien", wie die Mannheimer das Theresienkrankenhaus nennen,
drehte sich alles nur noch im Kreis. Ein Wirbel zog mich in eine Enttäuschung
ohne Beispiel. Intensivste Vorbereitung, täglich gepflegter Egoismus gegenüber
Familie, Freunden und auch Geschäftspartnern - und jetzt? "Eine Muskelbrücke
droht, bei Belastung die Zufuhr zum Herzen zu behindern" - so übersetzte
ich den medizinischen Kauderwelsch, hinter dem sich die Damen und Herren Doctores
der Kardiologie verschanzten. `Rote Karte`, kein Leistungssport und kein Marathon.
Schluss aus. No sports eben.
Dienstag. Der Besuch bei meinem Internisten ließ
erstmals Hoffnung keimen. "Schuhe anziehen und für Sonntag trainieren,"
so dessen knappe aber präzise Aussage. Der offensichtliche Geburtsfehler
- den im übrigen nicht wenige Menschen haben - hatte die letzten 49 Jahre
bei keinem meiner Aktivitäten zu irgendwelchen Stolperern meiner Pumpe geführt.
Warum sollte es jetzt dazu kommen? Ich fühlte mich wie ein Staffelläufer,
der bestens gestartet war, der sich verlaufen hatte und nun den Anschluss zum
Feld suchte. 
Inzwischen war es Mittwoch. Die 400 Meter zum Büro konnte ich nur mit dem
Auto zurück legen: ständig Schwindelgefühle und Kreislaufprobleme
und mehr als 42 Kilometer von meiner Marathon-Form entfernt. Ich schleppte mich
in den Donnerstag. Meine täglichen Schwindel, die dröhnenden Kopfschmerzen
und die Blutergüsse des Arterien-Druckverbandes wurden langsam besser. 20
Minuten leichtes Traben durch den nächtlichen Wald - immer im Handy-Funkkontakt
mit meiner besorgten Ehefrau. Es kam der Freitag und der Tag der Entscheidung:
Jetzt musste ich es wissen. Stramme 70 Minuten stolperte ich durch den Wald -
ohne Taschenlampe bei stockfinsterer Nacht. Das Getrampel der aufgeschreckten
Wildschweine störte mich nicht.
Samstag: ich entschied, in Frankfurt
zu starten.
Im Rumpf total stabil
Nun ist es Sonntag, 12.20 Uhr
und ich laufe seit rund 80 Minuten. Die anfängliche Euphorie des Massenstarts
hatsich gelegt. Marion, meine Laufpartnerin, tänzelt in ihrem gewohnten Stil
neben mir her und plappert mir die Ohren voll und redet sich die Nervosität
von der Seele. Aber besser Unterhaltung als Eintönigkeit. Denn mit jedem
Kilometer macht eine Herde gelber Affen immer lauter auf sich aufmerksam. Sie
tobt von der linken zur rechten Hirnhälfte und kreischt: "No sports".
Steht da nicht Oberarzt Krüger am Rettungswagen? Und reicht mir bei der Getränkestation
nicht plötzlich mein Bruder schales Wasser an, um mir erneut zu sagen,
was
für ein Schwachsinn ich da treibe? "Wie weit willst Du Deine Sucht noch
treiben? Marathon in deinem Alter?" Ich bin längst über die Mainbrücke.
Die Visionen verschwimmen, doch die demotivierenden Worte verfolgen mich. Kilometer
12. Ich werde aufgeben. Zumindest nach dem nächsten Kilometer, sage ich mir.
Ich spüre meine Pumpe, ein deutliches Ziehen an einer Stelle, an der ich
noch nie etwas gespürt habe. An der nächsten Wasserstation werde ich
Schluss machen. "Naja, einen Halbmarathon solltest Du schon hinkriegen,"
sage ich mir, "schließlich bist Du letzte Woche noch stramme 30 Kilometer
in etwas über drei Stunden gelaufen." Ich ignoriere die nächste
Verpflegungsstation und vergesse das Aufgeben.
Marion hüpft mir langsam
davon. Christiane überholt mich. Sie, die mich immer wieder mit dem Optimismus
einer 24jährigen aufgemuntert hat, hatte noch am Vortag Nervenflattern wie
noch nie. Unbedingt mit mir wollte sie die ganze Strecke laufen. Doch wir hatten
uns verpasst, und nun zieht sie an mir leichten Fußes vorbei. "Wie
geht`s?", fragt sie, und ich weiß um die Ernsthaftigkeit, die hinter
der Frage steht. "Ich beiße", rufe ich ihr nach. Wie`s mir geht?
"Beschissen wäre geprahlt", hätte ich antworten sollen.
Es dauert lange, bis ich meiner Affenherde einen Fußtritt verpassen kann.
So bei Kilometer 20 etwa. Ich freue mich über die Sonnenstrahlen und lasse
mich vom Applaus der Menge vorantragen. Menge? Hier in Niederrad herrscht Tristesse
pur. Ein paar volltrunkene Kleingärtner in Schwanheim grölen mir hinterher
- aber nichts mit Applaus. Das ändert sich aber bald. "He Martin, schön,
dass Du dabei bist. Du schaffst es"! Ich zucke zusammen, winke dem einen
Zuschauer mit seinem Megaphon freundlich zu und beginne meinen Marathon bei Kilometer
21. Jetzt habe ich ihn gewonnen. Die Wade zwickt, die Hüfte knirscht, aber
ich laufe. Und ich fühle mich "total stabil im Rumpf" möchte
ich gerne Dieter Bremer zurufen, aber es ist keiner da, der sich dafür interessieren
würde.
Im Tal der Tränen
Und ich trinke, und nutze bewusst
jeden Becher, um eine halbe Minute zu gehen. Nun sehe ich weniger die bleichen,
entkräfteten Gestalten am Straßenrand, die von den Helfern umsorgt
werden. Ich sehe auch Jürgen nicht, der wohl dicht hinter mir vor seinen
Schmerzen kapitulieren muss und aufgibt. Ich sehe jetzt vor allem die Kinder,
die die Läufer abklatschen, die Musiker und immer wieder und immer mehr Menschen.
Längst ist der Sieger im Ziel und hat geduscht - und ich bin gerade in Frankfurt-Höchst
angekommen. Aber ich werde es schaffen. Ich wusste gar nicht, dass die Hessen
so freundlich sind. Ich versuche, die Freundlichkeit wenigstens mit einem Winken
zu quittieren. Am Fenster steht eine ältere Dame, die vermutlich noch nie
ein Sportgeschäft betreten hat und die mit ihrem Kochlöffel lautstark
ihren Suppentopf bearbeitet - heute bleibt die Küche kalt.
Der
Mann mit dem Hammer bleibt mir erspart. Hüfte und Wade reklamieren eine Auszeit
- doch ich liebe Muskelschmerzen, wenn sie nicht aus der Brust kommen. Kilometer
36. Ich rechne hoch, dass es wohl für eine Zeit unter fünf Stunden reichen
dürfte. "Umkehren wäre doch jetzt auch irgendwie blöd - oder?",
lese ich auf einem Schild und muss lachen. Ich beschleunige, die Gehpausen werden
kleiner. Kilometer 40. Das Rennen ist gelaufen. Wie in Trance laufe ich auf die
Festhalle zu. Die Menschenmassen, die fast fünf Stunden hier ausgeharrt haben,
applaudieren; selbst die Läuferinnen und Läufer, die längst umgezogen
zur U-Bahn gehen, bleiben stehen und feuern die Nachzügler an. Ich dringe
in das Schwarz der Festhalle ein und nehme nur noch das grelle Rot des Teppichs
wahr. Gleich nach dem Ziel feuchte Augen, kullernde Tränen und ein unermesslicher
Stolz, es geschafft zu haben - nicht nur bei mir. "Wir sehen uns im Ziel"
hatte Dieter Bremer gesagt. Für die meisten des
Marathon-Projektes
war es eine Prophezeiung und ein Ansporn. Für manche, die gescheitert sind,
führten die aufgestauten Emotionen in ein Tal der Tränen, aus dem sie
nur mühsam wieder hochgeklettert sind. Vielleicht ist der Absturz für
sie auch ein Stück Motivation für den nächsten Anlauf, so, wie
mich die Warnung "no sports" auf der Zielgeraden zum Endspurt beschleunigt
hat.
Autor: © MARTIN BOECKH
Freier Wissenschaftsjournalist
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